Betrachtet man den Philosophieunterricht in der Schule, so fällt auf, dass man stets die Theorien von Philosoph;innen durchnimmt, jedoch nie eigene Theorien in dem Maße ausformulieren kann, wie es eine Vielzahl von Menschen tun und taten. Um diese Lücke zu füllen, gibt es jedes Jahr eine bundesweite Veranstaltung, in der jede;r, der/die an Philosophie interessiert ist und mindestens in der Sekundarstufe II ist, eben eigene Ideen zu bestimmten Gebieten ausformulieren kann.

Dabei stehen vier Themen zur Auswahl, zu denen ein Text nach den Formalia verfasst werdenmuss. Die Sujets sind jedes Jahr unterschiedlich und umfassen verschiedenste philosophische Disziplinen. Zitate von berühmten Personen oder grundsätzliche Fragen sollen für die Thesen anregen und müssen auch mit einbezogen werden.

In meinem Fall habe ich ein Zitat des französischen Schriftstellers Marcel Proust genommen. In diesem ist er der Ansicht, dass jede;r Leser;in sich beim Befassen mit einem Text auch gleichzeitig selbst betrachtet. Nun hatte sich mir die Frage gestellt: Was ist überhaupt ein;e Leser;in? Über die kommenden Wochen versuchte ich nun, meine Ideen zu entwickeln und sinnig zu verbinden.

So kam ich auf folgende These, hier verkürzt dargestellt: Leser;innen sind die Empfänger von in Symbolen und Zeichen verschlüsselten Informationen, die Verfasser;innen bereitgestellt haben. Diese werden entweder durch Tasten oder Sehen aufgenommen und dabei für den/die Einzelne;n subjektiv interpretiert, wodurch die von Proust beschriebene Reflexion vorkommen kann. Allerdings werden diese Perspektiven auf die Werke dann interessant, wenn man in Kontakt mit anderen Empfänger;innen kommt, da diese entweder den Text nicht kennen und sich auf den;die Berichtende;n verlassen oder selbst eine Meinung dazu haben, sodass sie in einen gleichrangigen Diskurs eingehen können.

Der Wettbewerb ist aus zwei Gründen sehr bereichernd. Einerseits verlangt die Veranstaltung,dass man sich intensiv mit den eigenen Gedanken auseinandersetzt und diese strukturiert präsentieren kann, welches eine wichtige Fähigkeit in fast allen Bereichen ist. Andererseits bieten die Thesen eine Möglichkeit, völlig neu auf Themen zu blicken und sich selbst besser zuverstehen. Denn jede;r argumentiert und denkt anders, weshalb immer andere Theorien und Positionen zu den gleichen Aspekten des Lebens entstehen. Ich bin mir sogar sicher, dass mir nicht jede;r mit der obrigen Auslegung zustimmen wird, aber diese Unterschiede machen ja gerade den Charme der Philosophie aus. Und auch wenn ich nicht in die Winterakademieweiterkomme, bin ich mit meiner Leistung zufrieden und empfinde den Wettbewerb als erhellend. Ich kann ihn nur jeder/jedem mit einem Interesse an Philosophie weiterempfehlen und glaube, dass auch in den kommenden Jahren viele faszinierende Beiträge aufkommenwerden.

Simon Höppner